Närrische Freundschaft besteht seit 30 Jahren

Kurz nach der Wiedervereinigung machte sich eine Delegation aus der Berg- und Schieferstadt Lehesten im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt erstmals auf den Weg nach Lauda.

Ihr Ziel: die Prunk- und Fremdensitzung der Narrengesellschaft „Strumpfkapp Ahoi“. Am Donnerstag kamen die närrischen Gäste aus dem Thüringer Wald zum nunmehr dreißigsten Mal in die Weinstadt im Taubertal. Ihr Reisequartier hat sich seit dem ersten Besuch genauso wenig geändert wie der Programmablauf, der über all die Jahre stets der gleiche geblieben ist.

Wann gilt eine Gewohnheit als Tradition? Über diese grundsätzliche Frage lässt sich sicherlich vortrefflich streiten, aber ganz bestimmt hat die Reisegruppe aus dem thüringischen Lehesten längst ein festes Ritual begründet. Seit der Fasnacht 1990, nur wenige Monate nach dem Mauerfall, kommen die Besucher der ältesten Schieferabbaugemeinde in Europa jedes Jahr zur Fasnacht nach Lauda. Meistens sind es um die 15 bis 20 Personen, für die das närrische Spektakel fest in den Jahreskalender eingetaktet ist. Alljährlich werden die Gäste von Laudaer Narren persönlich am Bahnhof abgeholt und zu ihrer Unterkunft, dem Goldenen Stern, gebracht. Dort beziehen die Gäste dann ganz unkompliziert ihre Zimmer. Die Zimmerbelegung wird unmittelbar vor Ort vorgenommen, so wie es eben mit der Bettenzahl ausgeht. Der Stadtrundgang darf im Anschluss genauso wenig fehlen wie ein Abstecher zur Narrenscheune, gefolgt von einem Umtrunk und Abendessen. Denn Hunger und Durst sind nach der knapp dreistündigen Anreise groß.

Gastgeschenke erhalten die Freundschaft
Oft bringen die Narren aus dem Thüringer Wald noch schöne Gastgeschenke aus Schiefer mit – beispielsweise Servierplatten in verschiedenen Formen und Größen, die praktischerweise gleich zum Auftischen des Buffets verwendet werden. Gastwirt Gerhard Schwab schwärmte bei einem Besuch am Donnerstagabend über diese persönlichen Gesten der Freundschaft: „Nicht nur die verschiedenen Platten sind für mich als Wirt geschätzt, sondern auch die persönliche Hochachtung, wenn ein Staiger, also Bergbauarbeiter, eine schöne Schieferplatte übergibt, die er selbst in 600 oder 900 Meter Tiefe gebrochen hat. Auch zwei Intarsienarbeiten mit Pferdemotiven von Peter Emmert hängen hier im Haus.“ In einem Jahr habe der Gastwirt einen Pferdekopf überreicht bekommen und im nächsten Jahr sei dann ein weiterer Pferdekopf dazugekommen mit dem verlegenen Kommentar „Das ist die Frau von dem Pferdemann vom letzten Jahr“, berichtete Gerhard Schwab schmunzelnd.

Fremdensitzung darf nicht fehlen
Nach dem Abendessen geht es für die Besucher aus Lehesten dann traditionell – wie sollte es auch anders sein? – zur Prunk- und Fremdensitzung. Oftmals ist die Nacht schon fast vorbei, wenn die thüringischen Gäste zum Schlafen in ihre Unterkunft zurückkehren. „Einmal waren Schlüssel vorübergehend verloren gegangen, sodass fünf oder sieben Personen in einem Zimmer schliefen mussten. Doch auch solche unerwarteten Situationen tun der guten Stimmung keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Sie festigen die Gemeinschaft untereinander“, ist Gerhard Schwab überzeugt.

Mittlerweile sei schon die zweite Generation dabei, erzählte Peter Emmert, Mitglied des Lehester Elferrats, im Gespräch. Der ehemalige Tänzer im Männerballett hat schon die Premiere im Jahr 1990 miterlebt und die schöne Tradition also gewissermaßen mit ins Leben gerufen. Nur ein einziges Mal musste er schweren Herzens absagen. Mit großer Begeisterung berichtete er von persönlichen Begegnungen und will die treue Kameradschaft über Landesgrenzen hinweg nicht missen.

Treue zwischen zwei Fasnachtshochburgen
Wie kam eigentlich die außergewöhnliche Verbindung zwischen den zwei Fasnachtshochburgen zustande? Laut Gunter Dosch von der Narrengesellschaft „Strumpfkapp Ahoi“ muss es sich wie folgt zugetragen haben: „1990 hatte die Prunksitzung des Karnevalsclubs Lehesten bereits begonnen, sodass der Saal geschlossen wurde und kein Einlass für weitere Gäste mehr möglich war. Ein paar Leute aus dem nur wenige hundert Meter entfernten Oberfranken kamen zu spät und wurden nicht mehr in den Saal hinein gelassen. Dabei kamen sie mit dem Türsteher Günter ins Gespräch. Einer der Wartenden war zufällig Bundeswehrsoldat in der Laudaer Luftwaffenkaserne. Er sprach kurzerhand die Empfehlung aus, unbedingt mal nach Lauda zur dortigen Prunk- und Fremdendsitzung zu kommen.“ Gesagt, getan. In der Anfangszeit funktionierte die Telefonverbindung über die ehemalige Zonengrenze nicht richtig. Die Verbindung wurde über jenen ehemaligen Soldaten die erste Zeit daher stets händisch vermittelt, was nicht ganz unkompliziert verlief. Doch trotz aller Widrigkeiten kamen beim ersten Besuch in Lauda vier Gäste aus Thüringen, im Folgejahr waren es dann schon mehr als doppelt so viele.

Bürgermeister würdigt die Verbundenheit
Man muss kein großer Fasnachtsnarr sein, um eine so treue Verbindung nach Lauda als außerordentlich bemerkenswert anzusehen. „Dass ein Verein dreißig Jahre in Folge, ohne jegliche Unterbrechung, eine Fahrt organisiert, ist sicherlich eine Leistung, die einer Anerkennung würdig ist“: So sieht es nicht nur Gastwirt Gerhard Schwab, sondern auch Bürgermeister Thomas Maertens, der den Gästen aus Lehesten im Namen der Stadt Lauda-Königshofen und des städtischen Tourismusbereichs seine persönliche Würdigung und Wertschätzung ausdrückte. Damit die Narren aus dem Thüringer Wald eine schöne und genussvolle Erinnerung aus Lauda mit nach Hause nehmen, überreichte ihnen das Stadtoberhaupt ein Weinpräsent mit guten Tropfen aus dem Stadtgebiet. Im persönlichen Gespräch erfuhr der Bürgermeister dann viel Interessantes zur Geschichte und Schieferabbautradition der Stadt Lehesten.

Trotz aller Gemeinsamkeiten gibt es bei einer ganz bestimmten Sache aber dann doch eine eklatante Abweichung: In Lauda heißt es Fasnacht, in Lehesten Fasching. Warum das so ist – auch dafür hatten die Narren aus Lehesten sofort eine Erklärung parat: „Fasching feiert man dort, wo man sich beim Ausgehen die Frage stellt: Was ziehen wir aus? Dort, wo man Fasnacht feiert, stellt man sich beim Ausgehen die Frage: Was ziehen wir an?“, erklärte Rolf Partschefeld, der seit 45 Jahren Mitglied im Karnevalsclub Lehesten ist – inzwischen als vorsitzender Präsident, und fügt hinzu: „Doch egal, wie man es nennt: Fasching und Fasnacht ist immer Lebensfreude!“

Zum wehmütigen Abschied erklangen am Freitagnachmittag am Laudaer Bahnhof noch einmal letzte närrische Grüße: „Strumpfkapp Ahoi! Lehesten Helau!“ Zumindest vorübergehend bis zum einunddreißigsten Wiedersehen im nächsten Jahr …

 

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